Die stille Gefahr: Wie Diabetes erkannt und diagnostiziert wird

Die stille Gefahr: Wie Diabetes erkannt und diagnostiziert wird

Diabetes mellitus, im Volksmund oft einfach „Zuckerkrankheit“ genannt, ist eine der großen Volkskrankheiten unserer Zeit. Allein in Deutschland leben Millionen Menschen mit der Diagnose, und die Dunkelziffer wird als hoch eingeschätzt. Das Tückische an dieser Stoffwechselerkrankung ist, dass sie – besonders beim weit verbreiteten Typ 2 – oft jahrelang völlig schmerzfrei verläuft. Viele Betroffene fühlen sich gesund, während der konstant erhöhte Blutzuckerspiegel bereits im Hintergrund an den Gefäßen und Nerven nagt. Doch wie findet man heraus, ob man betroffen ist? Die Diagnose ist kein Ratespiel, sondern basiert auf klaren körperlichen Warnsignalen und präzisen Laborwerten.

Die Sprache des Körpers: Typische Symptome

Der Körper sendet Signale, wenn der Zuckerstoffwechsel entgleist. Diese fallen jedoch je nach Diabetes-Typ unterschiedlich heftig aus.

Beim Typ-1-Diabetes, der oft im Kindes- oder jungen Erwachsenenalter auftritt und bei dem die Bauchspeicheldrüse gar kein Insulin mehr produziert, sind die Symptome meist dramatisch und treten innerhalb weniger Wochen auf. Dazu gehören extremer, kaum stillbarer Durst, ständiger Harndrang (auch nachts), massiver Gewichtsverlust trotz Heißhunger und eine bleierne Müdigkeit. Der Atem kann dabei süßlich nach fauligem Obst riechen (Acetongeruch) – ein absolutes Warnsignal, das sofortige ärztliche Hilfe erfordert.

Beim Typ-2-Diabetes, der oft mit Übergewicht und Bewegungsmangel assoziiert ist, verläuft der Prozess schleichend („schleichender Beginn“). Die Symptome sind oft unspezifisch. Betroffene klagen über Antriebslosigkeit, Konzentrationsschwäche, schlecht heilende Wunden (z. B. an den Beinen) oder häufige Infektionen wie Blasenentzündungen oder Pilzerkrankungen. Auch Sehstörungen können ein erstes Indiz sein. Weil diese Anzeichen oft als „Alterserscheinungen“ oder Stress abgetan werden, wird die Diagnose oft erst zufällig bei einem Routine-Check-up gestellt.

Der Weg zur Gewissheit: Die Bluttests beim Arzt

Wer den Verdacht hat, an Diabetes erkrankt zu sein, kann dies nicht zuverlässig zu Hause feststellen. Urintests aus der Apotheke können zwar anzeigen, ob Zucker im Urin ist (was erst ab sehr hohen Werten passiert), aber sie sind für eine Frühdiagnose ungeeignet. Der Weg führt zwingend zum Hausarzt oder Diabetologen. Dort kommen drei Hauptverfahren zum Einsatz:

  1. Der Nüchternblutzucker: Hierbei wird morgens Blut abgenommen, nachdem der Patient mindestens acht Stunden lang nichts gegessen und nur Wasser getrunken hat.

    • Werte unter 100 mg/dl gelten als gesund.

    • Werte zwischen 100 und 125 mg/dl deuten auf einen „Prädiabetes“ (eine Vorstufe) hin.

    • Werte ab 126 mg/dl (bei wiederholter Messung) bestätigen die Diagnose Diabetes.

  2. Der Gelegenheitsblutzucker: Wird zu einem beliebigen Zeitpunkt am Tag gemessen (egal wann man gegessen hat) und liegt der Wert über 200 mg/dl und treten gleichzeitig typische Symptome auf, gilt die Diagnose ebenfalls als gesichert.

  3. Der HbA1c-Wert (Das Langzeitgedächtnis): Dieser Wert ist der Goldstandard in der Diagnostik und Verlaufskontrolle. Er misst, wie viel Zucker in den letzten acht bis zwölf Wochen an den roten Blutfarbstoff Hämoglobin gebunden wurde. Er gibt also nicht eine Momentaufnahme wieder, sondern den Durchschnittszucker der letzten drei Monate.

    • Ein HbA1c-Wert unter 5,7 % (ca. 39 mmol/mol) ist normal.

    • Ab 6,5 % (ca. 48 mmol/mol) spricht man von Diabetes.

Der orale Glukosetoleranztest (oGTT)

Wenn die Nüchternwerte leicht erhöht sind, aber noch keine klare Diagnose zulassen, kommt oft der „Zuckerbelastungstest“ zum Einsatz. Der Patient trinkt eine standardisierte Zuckerlösung (75 Gramm Glukose in Wasser). Vorher und zwei Stunden nach dem Trinken wird der Blutzucker gemessen. Dieser Test zeigt, wie gut der Körper in der Lage ist, eine große Menge Zucker schnell zu verarbeiten. Er ist besonders wichtig für die Erkennung von Schwangerschaftsdiabetes, wird aber auch zur Früherkennung von Typ-2-Diabetes genutzt.

Risikogruppen sollten nicht warten

Da Diabetes Typ 2 lange symptomfrei bleiben kann, empfehlen Ärzte bestimmten Risikogruppen ein aktives Screening – also den Test auch ohne Beschwerden. Dazu gehören Menschen über 45 Jahre, Menschen mit starkem Übergewicht (Adipositas), Bluthochdruck oder einer familiären Vorbelastung (Eltern oder Geschwister mit Diabetes).

Gewissheit rettet Lebensqualität

Die Frage „Habe ich Diabetes?“ lässt sich mit einem einfachen Bluttest schnell und schmerzlos beantworten. Die Angst vor der Diagnose ist verständlich, aber unbegründet. Denn ein früh erkannter Diabetes lässt sich heute hervorragend behandeln – oft sogar allein durch eine Änderung des Lebensstils, noch bevor Medikamente oder Insulin nötig werden. Wer die Warnsignale ignoriert, riskiert irreversible Spätschäden. Der Gang zum Arzt ist daher der wichtigste Schritt zur Erhaltung der eigenen Gesundheit.